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[Bericht] Auf dem Berg

Auf dem Berg

Seit dem letzten Geschriebenen sind einige Wochen vergangen. Nun bin ich auf diesem Berg gelandet, in einem kleinen Dorf samt Schule für junge Mönche, umschlossen von Dschungel und dichtem Nebel. Liege im Bett meiner Hütte in warmen Decken, denn hier im Gebirge erlebt man nach fast vier Monaten Hitze mal wieder ein anhaltendes Kältegefühl. Einige Augenblicke zuvor hatte ich intensive Gespräche mit weiteren Reisenden. Wunderbaren Menschen. Mandisa aus Barbados, sowie Nick aus Argentinien. Diese spannenden Konversationen inspirieren und halten mich gleichzeitig vom Festhalten des Erlebten ab, zudem ist unterwegs alles viel zu immens, schnelllebig und abenteuerlich. Hier in Indien prasselt es nur so auf dich ein, selbst wenn man nur ein paar Schritte auf der Straße geht. Sikkim, mein jetziger Halt, ist anders. Ruhiger, sauberer. Und doch gehe ich lieber hoch in ein abgelegenes Bergdorf, sicher ist sicher. Ich möchte wieder schreiben, mich um die kaum zu bewältigende Menge an Fotos kümmern. Und schließlich – zur Ruhe kommen. Wenigstens von allem ein bisschen.

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Eine Kette von Ereignissen hat mich bzw. uns an diesen Ort geführt. Auch darüber unterhielt man sich vorhin, bei einer Tasse Tee mitten in den Wolken sitzend. Ich würde mich nicht mit den Beiden unterhalten, wenn ich mich morgens der Gruppe Belgier angeschlossen hätte, die in die nächste Stadt fahren wollten, um Internet- und Bankgeschäfte zu erledigen. Ebenso würde ich nicht in diesem abgelegenen Teil Sikkims sein, ohne dass die Belgier einige Tage zuvor meine ursprünglichen Reisepläne durcheinander gebracht hätten. Und sicher wäre ich vor einer Woche nicht den Belgiern in einem Ticketbüro Kolkatas in die Arme gelaufen, ohne zwei Wochen länger als geplant in der Stadt geblieben zu sein. Eins führt zum anderen, und hier bin ich nun.

Ein schneller Abriss von all dem Erlebten lohnt kaum, ist es doch viel zu viel und würde zudem spannenden Geschichten, die Raum brauchen, einiges vorweg nehmen. Doch man kann sagen, dass der Trip durch dieses Land eine Zahl an Erlebnissen zu Tage gefördert hat, für die der Großteil der Menschheit wohl weit mehr als eine Lebenszeit braucht. Es klingt hoch gegriffen, doch ich bin mir recht sicher. Und die meisten Reisenden, die so intensiv ins Geschehen eintauchen, werden mir Recht geben. Vier Monate Indien können eine wahre Explosion sein. So unglaublich schnell wechseln Orte, Menschen, Szenen, Herausforderungen. Dabei nehme ich mir relativ viel Zeit zum Erkunden, verglichen mit manch anderen Backpackern. Dennoch, durch die Intensität jeglichen Moments schmilzt dieser „Ruhebonus“ dahin.

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Gerade die Begegnungen mit der indischen Bevölkerung können sehr unterschiedlich ausfallen. Mal ist es einfach nur spannend und gibt unheimlich viel. Dann wiederum hat man das Gefühl, soeben einfach nur für die vielfältigen Interessen des Gegenübers missbraucht zu werden. Sei es, weil du Geld hast oder etwas über deine Heimat und das Reisen zu erzählen hast.

Hier und da täuscht der erste Eindruck. Man lässt sich auf Konversationen ein, die letztlich dazu führen, doch mal einen Blick in den Laden des Gesprächspartners werfen zu können, oder in einer dunklen Ecke das gute Haschisch zu begutachten. Vielleicht auch einfach nur ein paar Rupien für die letzten Auskünfte springen zu lassen und im besten Fall sogar in ein Import-Export-Geschäft größeren Stils verwickelt zu werden. Ebenso kann es vorkommen, dass man von dem andauernden „Hello, Sir! Which country?“ bereits etwas entnervt über die Straßen flaniert, und so manch tiefer Einblick mittels guter Konversation verwehrt bleibt. Die Herausforderungen lauern überall und es ist eine wahre Aufgabe, sich die Kräfte einzuteilen.

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Zwei weitere Faktoren machen den Alltag interessant und nicht selten beschwerlich. Zum Einen die unglaubliche Hitze, die ab März über das gesamte Land hereinbricht. Wenn man nicht in den Bergen verweilt, gibt es praktisch kein Entkommen. Die Temperaturen liegen zumeist zwischen 35-45 Grad und jeder Regenfall ist mehr als willkommen, um ein wenig Linderung zu verschaffen. Teilweise hielt ich zwischen 11 Uhr vormittags und dem frühen Abend einfach Siesta.

Der zweite Punkt ist die Ernährung. Man kann aufpassen, so viel man will – eines Tages wird es dich erwischen. Wer als „West-Tourist“ nach einer mehrwöchigen Indienreise ohne jegliche Magen-Darm-Beschwerden wieder abreist, hat irgendwas grundlegend falsch gemacht. Ja genau, falsch! Denn das hieße, man hat nur in den teuersten, saubersten Hotels übernachtet und nie in den einfachen Restaurants am Straßenrand gegessen, ganz zu schweigen von einem guten Mahl bei einer indischen Familie daheim. Wer dieses wunderbare Land auf jene „saubere“ Art entdecken möchte, darf auch gern ein wenig Geld sparen und sich mit Dokumentationen auf DVD begnügen.

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Mittlerweile ist der Morgen im Bergdorf angebrochen. Die Betriebsamkeit außerhalb meiner Hütte hat mich bereits um 6 Uhr aufstehen lassen. Ein Glück, denn so konnte ich noch ein erstes und letztes Frühstück mit Mandisa genießen. Ein Mensch, mit dem ich gern mehr Zeit als nur einen Tag verbracht hätte. Doch egal, wie lange man beieinander ist, die Abschiede kommen. Immer wieder während dieser Reise. Mittlerweile unzählige Male.

Während Nico sie auf dem Weg nach unten begleitet, genieße ich die Morgensonne, sehe meinen Klamotten beim Trocknen zu und unterhalte mich ein wenig mit Sonam, dem Familienvater unseres „Homestays“. Ich erfahre mehr über das Schulsystem, den Alkoholmissbrauch und die schlechten Jobchancen in Sikkim. Abermals bemühe ich mich, nicht gleich alles komplett aufsaugen und mitschreiben zu wollen, sondern einfach zuzuhören. Die essenziellen Dinge werden schon hängen bleiben. Man vertraut besser darauf, sonst wird es einfach zu viel des täglichen Inputs.

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Schließlich warte ich nun auf Chris, einen der Belgier, aus der Stadt zurückkehrend. Nachdem er von unserer Gruppe die stärkste Lebensmittelvergiftung abbekommen hat und auch sonst immer mal – typisch Indien – hart auf die Probe gestellt wurde, freue ich mich auf meinen Mitbewohner in dieser einfachen, schiefen Holzhütte. Er wird es hoffentlich genießen können. Da man selten ohne Narben in dieses Land reist, hat auch Chris es sich verdient. Der Blick nach draußen auf die sonnigen Kardamomfelder und Dorfbehausungen ist verheißungsvoll. Höchste Zeit für einen Spaziergang oben auf dem Berg.

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In Kategorie: Allgemein

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

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