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[Bericht] Die Beerdigung

“Funeral coming!”, sagte Sonam, unser Gastgeber in den Bergen West-Sikkims. Ein Todesfall im benachbarten Ort, und nun folgt die zeremonielle Bestattung in buddhistischer Tradition. Wir gehen in Richtung des steilen Pfades, der zum Bergdorf hinauf führt. Eine Strassenanbindung gibt es nicht, und auch sonst würde der Beginn der Zeremonie wohl ähnlich ablaufen: acht der männlichen Dorfbewohner tragen die von Stangen gestützte Kiste mit dem Verstorbenen zum rituellen Ort. Nicht etwa liegend, sondern hockend befindet sich die Leiche in der hölzernen Box. Von aussen wurde umfangreich geschmückt. An beiden Enden des Zuges begleiten zahlreiche Personen die Prozession, ausgerüstet mit einigen Utensilien, die für den weiteren Verlauf des Tages mitzubringen sind. Fahnen werden an langen Bambusstöcken getragen, Trommeln geschlagen, und junge Mönche blasen Hörner. An deren Klosterschule abseits des Dorfes angekommen, wird zunächst einige Male die große Stupa samt Tempel umrundet. Anschließend werden innerhalb der heiligen Mauern Gebete gesprochen, während sich im Freien immer mehr Nachbarn zusammenfinden, um gemeinsam Tee zu trinken und das weitere Geschehen geruhsam anzugehen. Der Verstorbene verweilt währenddessen auf der Schwelle zur Gebetshalle.
Die Stimmung ist in keiner Weise von Traurigkeit erfüllt, nervös oder angespannt. Vielmehr fühlt es sich normal an. Fast wie ein beiläufiges Zusammenfinden an einem Freitagnachmittag. Da wir nicht wissen, was weiterhin auf uns zukommt, wird gemeinsam abgewartet.

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Für mich ist der Tod seit jeher eine Facette des Lebens, und soweit aus bisheriger Erfahrung beurteilbar, neige ich in einem solchen Fall nicht zu besonders großer Trauer. Eher im Gegenteil, es nimmt mich in fast beängstigend geringer Weise mit. Mitgefühl, ja sicher. Den Verstorbenen ehren und das Verabschieden zelebrieren? Auf jeden Fall! Jedoch neigt die westliche Kultur bis auf wenige Ausnahmen dazu, sich mit dem unschönen Fakt des Ablebens jener Person aufzuhalten und in diesem depressiven Zustand des Nicht-Akzeptierens zu verharren, anstatt den Kreislauf des Lebens so anzunehmen, wie er nun einmal ist. Und im Idealfall sogar den Tod in gleichem Maße wie die Geburt als Anfang und Ende eines Zyklus zu feiern. Warum tragen wir immer Schwarz und begleiten die Toten mit Musik in Moll und hängenden Gesichtern zum Grab? Genauer betrachtet macht es einfach keinen Sinn, denn gestorben wird, seit es Leben gibt. Und solange sich das Universum weigert, in Nichts aufgelöst zu werden – nun, dann wird es wohl auch so bleiben.

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Als der Zug sich wieder in Richtung des Feuerplatzes in Bewegung setzt, sind alle Beteiligten konzentriert bei der Sache. Alle halten etwas in den Händen, sei es Verpflegung, Ritualbedarf oder Werkzeug. Wir folgen der Gruppe den Weg hinunter zur Dorfschule, und nach einigen hundert Metern erreichen alle den Bestattungsort. Etwas oberhalb bereiten Frauen das Essen zu. Der einfache, kleine Tempel ist bereits mit Mönchen besetzt, teils in Gebete vertieft oder aber mit weiteren Vorbereitungen beschäftigt. Dahinter verschwinden Männer im Wald, um Holz zu hacken. Wir schließen uns an. In Windeseile wird dank vereinter Kräfte eine beachtliche Ansammlung von Brennmaterial zurück zum Pfad getragen. Währenddessen wird schon mit dem Zurechtstutzen und Stapeln angefangen.

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Mittlerweile erfahren wir auch den Grund für das vorzeitige Verscheiden des Mittvierzigers, was für unsere Ohren an Dramatik nicht spart. Eine Krankheit, die mit einfachen Mitteln nicht geheilt werden konnte. Wahrscheinlich eine Vergiftung. Und aus einer armen Familie kommend, war ein Hospitalbesuch für ihn nicht erschwinglich. Es spitzt sich zu, denn seine Frau sei ebenfalls davon betroffen und kann nicht an der Bestattung teilnehmen. Ich vermag nicht zu sagen, ob es ihr mittlerweile besser geht, doch im schlimmsten Fall lassen sie ein kleines Kind zurück.
Was für uns schockierend klingt, ist für die Bewohner hier nichts Ungewöhnliches. Ganz ähnliche Geschichten wiederholten sich schon unzählige Male. Von Normalität zu sprechen, wäre zu viel, jedoch hat man sich daran gewöhnt. In diesem Augenblick denke ich an Sonam, unseren Herbergsvater, der mit seiner Touristenbleibe auch die gemeinsame Dorfkasse für Krankheitsfälle auffüllt.

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Nachdem die hölzerne Box auf den circa anderthalb Meter hohen Holzstapel gehievt wurde, werden an den Ecken die langen Bambusstöcke samt Flaggen drapiert. Einige Männern klettern hinauf, um die unteren Bretter aus der Box zu entfernen. So kann das Feuer besser arbeiten. Dabei zieht es für einen Moment einen Teil des Fußes mit hinaus. Das Einzige, was wir von der Leiche zu Gesicht bekommen. Rundum wird an mehreren Stellen entzündet, sorgsam beobachtet und gegebenenfalls neu entfacht. Während langsam das Knistern im Innern beginnt, ist die Stimmung allerseits recht ausgelassen. Man scherzt, trinkt Milchtee, streichelt die streunenden Hunde. Immer wieder kommen die jungen Mönche herbeigelaufen, um Reis und weitere geheiligte Gaben mittels einer Kelle, an einen langen Stab gebunden, möglichst weit oben auf dem brennenden Haufen zu verteilen.
Der Rauch wird dichter, und steigt aus der Kiste empor. Wir bleiben noch eine Weile. Meine israelische Freundin Tal spricht über diesen Mittag als eine der wichtigsten Erfahrungen in ihrem bisherigen Leben. Verständlich, und dennoch ist es für mich so “komisch normal”. Gelegentlich zweifle ich kurz an mir. Selbst die ehrenvolle Audienz bei einer beeindruckenden Prophetin einige Wochen zuvor hatte mich nicht so sehr aus den Wolken fallen lassen, wie meine belgischen Freunde. Ich schätze solche Erfahrungen in gleichem Maße, wie einfach nur dem Adler beim Kreisen hoch über dem Dorf zuzuschauen, auf der Suche nach Hühnern. Man kann aus so vielen Situationen lernen, da bedarf es keiner bestimmten Dramatik oder Prominenz.

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Sonam’s Frau wartet mit dem Essen, also machen wir uns auf den Heimweg. Ich bin froh, noch einen Tag länger als geplant auf dem Berg geblieben zu sein.

Ich glaube, ein Grund für diese überwiegend negativ ausgerichtete, westliche Trauerkultur ist der Umstand, dass man so viele unerfüllte Vorstellungen im Leben hat. Es ist noch so viel zu tun. Ich habe dieses oder jenes noch nicht erreicht. Das ist nicht nur das eigene Dilemma, sondern man spiegelt sich auch in Anderen wider. “Es geschah viel zu früh, er/sie hatte das ganze Leben noch vor sich.” Und das ist nur eine der vielen Phrasen, die man aufzählen kann. Statt den Ist-Zustand in anklammernder Weise zu betrauern, sollten wir das Leben feiern, die Person voller Wärme und Mitgefühl auf ihre kommende Reise – wohin auch immer – schicken, verbunden mit den besten Wünschen. Und uns gleichzeitig daran erinnern, unser eigenes Leben jeden Tag auf’s Neue zu feiern, zu genießen und die eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Dann ändert sich die Beziehung zum Tod automatisch, denn man weiß, man hat das Beste aus der verbleibenden Zeit gemacht. Jede Minute, jede Sekunde. Die Angst vor dem Ableben sinkt, und es ist kein Platz mehr für diese opfervolle Form der Traurigkeit. Das ist die Kunst der ehrlichen Einsicht zu sich selbst und schließlich allem Leben gegenüber.

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In Kategorie: Allgemein

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

6 Kommentare

  1. Mathi

    Du sagst es Sascha. Ich wäre froh und zufrieden wenn Du in diesem Geiste die Stimmung bei meinem Ableben mitgestaltest.
    Ich freue mich für Dich über die Erfahrungen und Eindrücke, die Du sammeln kannst. Danke für die Bereicherung. Ich denk an Dich. Viele liebe Grüße

  2. Biene

    Wunderbar mal eine andere Beschreibung der Trauer zu hören und dann ,von dir mein Lieber,wäre schön,wenn ich das auch so sehen könnte,einfach toll,viele liebe Grüße und ich drücke dich ganz doll

  3. Antje Blank

    Du hast ja ein Wahnsinnstalent zu schreiben. Tolle Beschreibung,gute Gedanken, sehr interessant erzählt. Hut ab Sascha wie gut du dich ausdrücken kannst. Weiterhin alles Gute für Dich!

  4. Gritt Mueller

    Sehr interessant und weise.Bin wieder sehr bewegt von deinen Ansichten und deiner Schreibweise.Immer wieder bewundernswert,was man aus deinen Erzählungen für sich und sein Leben herausziehen kann.❤DANKE❤

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