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[Bericht] Im Armenhaus – Teil 1

Es scheint ganz so, als saugen dich die verschiedenen Orte auf dem Subkontinent gnadenlos in sich ein- nicht nur für den Moment, sondern auch auf die Dauer deines geplanten Aufenthalts bezogen. Einige Gesprächspartner, sowohl Backpacker als Einheimische, schauen mich immer wieder verwundert an, was ich denn für vier Wochen in Mumbai gemacht hätte… und was kann ich sagen? Neben strategischen Gründen passiert es einfach, dass dich ein neuer Stadtteil, eine weitere Bleibe, mit netten Menschen so sehr anfixt, dass du deine Pläne über Bord wirfst und ein wenig verlängerst. Oder um es auf Hippie-Art zu sagen: man folgt dem inneren Flow.
So auch in Kolkata geschehen, aus einer Woche wurden schließlich drei. Die ehemalige Hauptstadt in West-Bengalen ist äußerst ambivalent sowohl als „Armenhaus der Welt“, und auch unter „City of Joy“ bekannt. Wobei letzteres wohl eher geschicktem Touristik-Marketing zu verdanken ist, oder aber auch als Seitenhieb auf das größte Rotlichtviertel Indiens verstanden werden kann.
Tatsächlich steht Mumbai mit einer höheren Rate an Slumbewohnern heutzutage sicher etwas ärmer da als Kalkutta (so die geläufigere Bezeichnung). Doch der Begriff des Armenhauses entstand unter dem Wirken von Mutter Teresa, der wohl bekanntesten Persönlichkeit der Stadt. Nicht gänzlich befreit von Kritik über all die Jahre, und trotz des omnipräsenten katholischen Einflusses, kann man mit Sicherheit behaupten, dass sie Großes geleistet und unzähligen Menschen in Not geholfen hat. Also stand natürlich auch ein Besuch im „Mother’s House“ auf dem Programm. Doch das sollte noch ein wenig dauern.

 

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… Howrah Station, Kolkata.

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… am Hugli-Fluss mit Blick auf Vidhyasagar Setu.

 

Bei der Ankunft war ich zunächst damit beschäftigt, mich am riesigen, roten Bahnhofsklotz namens „Howrah Station“ darüber aufzuregen, dass meine SIM-Karte pünktlich bei Ankunft den Dienst versagt. Somit kein sicheres Taxi per App, sondern anderweitig etwas Günstiges suchen. Erfolglos. Ok, dann doch lieber per Bus. Eine grobe Beschreibung gab es schließlich zuvor vom Couchsurfing-Host. Zwischendurch auf der Hauptstraße über eine Sackkarre stolpern und sich mit vollem Gepäck einmal quer über die Fahrbahn legen- abgehakt. Zum Glück habe ich in meiner Rage lediglich auf Deutsch geflucht. Mit etwas Hilfe wurde schließlich sogar einer der typischerweise arg kühlen, klimatisierten Busse ergattert und los. Mein Sitznachbar lieh mir sein Telefon und so stand der zielgenauen Ankunft im Stadtteil Behala nichts mehr im Weg.
Das reine Abklappern der Sehenswürdigkeiten würde wohl keine drei Tage in Anspruch nehmen, jedoch war meinem Gastgeber Kanishka und mir nach kurzer Zeit klar, dass wir ein wenig mehr Zeit zusammen verbringen würden. Es ging mir gut, die Haushälterin sorgte sich um’s Essen und Wäsche waschen in der verwaisten Studenten-WG und ich lernte nicht nur mehr über die Stadt aus der Einheimischenperspektive, sondern auch den Freundeskreis meines Hosts näher kennen. Zwischen tiefen Gesprächen und reichlich Kulturaustausch ereignete sich die bahnbrechende Erfindung des deutsch-indischen Kartoffelsalats und ein (für indische Verhältnisse) opulent bezahlter DJ-Gig in einer großen Bar samt Micro-Brauerei. Nach fast zwei Wochen brach Kanishka zu seinem Heimatdorf nach Bihar auf, und ich suchte eine neue Bleibe im Zentrum der Stadt. Das schäbige Gästehaus brachte mir nicht nur eigenartige Hautirritationen und das Ärgern über beinahe verloren gegangene Trekkingschuhe ein, sondern auch ein Aufeinandertreffen mit Coco. Mit dem smarten Franzosen sollte ich nun für ein paar Tage das Zimmer teilen.

 

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… Straßenbahn fahren mit Kanishka.

... deutsch-indischer Kartoffelsalat.

… deutsch-indischer Kartoffelsalat.

 

Zusammen brachen wir gleich am ersten Tag zur Anmeldung im Mother’s House auf, denn Freiwilligenarbeit war der Hauptgrund für den Aufenthalt meines neuen Nachbarn in Kolkata. Jedoch war für mich noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, denn ich wollte noch einen Abstecher in die weltweit größten Mangrovenwälder, der Sumpflandschaft Sundarbans, machen. Einige Zeit später meldete ich mich schließlich selbst für 3 Tage Volunteering an. Etwas Sinnvolles tun und neue Erfahrungen sammeln stand ganz klar im Vordergrund, doch wusste ich nicht, was mich dort erwarten würde. Und wie ich es verkrafte. Wenige Tage zuvor tönte einer der Helfer beim gemeinsamen Abendessen in elegantem französischen Akzent vom „Festival of Pipi-Kaka“ bei seinen zu Versorgenden, und ich sah mich bereits an meinen Grenzen, ohne überhaupt begonnen zu haben. Und tatsächlich wurde später – während der Einweisung – von Klamotten wechseln nach jeder Schicht und waschen, nein, gar intensivem Schrubben unter der Dusche gesprochen. Je nach Arbeitsumfeld wohl für Krankenschwestern und Pflegekräfte normal, nicht jedoch für mich.
Während der Tage und Nächte im Gästehausviertel der Innenstadt machte ich mir so meine Gedanken. Immerhin etwas abgelenkt durch schräge Gestalten, verwahrloste Bettler und Gauner, die entlang der Straßen wie Magneten auf dich zugeflogen kommen. Zudem hielt mich der Wechsel in ein komfortableres Gästehaus und das tägliche Optimieren der Essensaufnahme zwischen „budget“ und „unbedenklich“ auf Trab. Und schlussendlich kam dieser eine Morgen, an dem ich zur ersten Schicht in Richtung Mother’s House aufbrach…

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… das Victoria-Monument, eines der Wahrzeichen Kolkatas.

In Kategorie: Allgemein

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

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