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[Bericht] Im Armenhaus – Teil 2

Das zeitige Aufstehen macht sich bereits auf dem Weg zum Mother’s House bezahlt. Statt des üblichen Trubels kann man in aller Ruhe durch Kolkatas Straßen schlendern. Normalerweise ist es schier unmöglich, im Laufen eine Konversation aufrecht zu erhalten, da man ständig die anderen Verkehrsteilnehmer im Auge behalten und blitzschnell reagieren muss. Doch gegen 6 Uhr am Morgen wacht die Stadt erst langsam auf. Lediglich ein paar Stände, die bereits Chai anbieten oder Männer, die per Fahrrad lebende Hühner transportieren, kopfüber an Stangen befestigt. Und natürlich das allgemeine, morgentliche Waschen am Gehweg.
Nach 20 Minuten erreichen Coco und ich das Hauptgebäude, welches seit jeher als Unterkunft für die Nonnen und administrative Zentrale genutzt wird. Heutzutage beherbergt es zudem das Grabmal Mutter Teresas und ein kleines Museum mit Erinnerungsstücken. Für meine erste Schicht als Helfer sind wir etwas früher aufgebrochen, um am gemeinsamen Morgengebet teilzuhaben. Ich schätze die Ruhe und Andacht in Kirchen, oder mehr noch in kleinen Kapellen, doch von Messen und dergleichen hielt ich mich bislang lieber fern. In diesem Fall machte ich  gern eine Ausnahme. Das knien am Boden und das Verfolgen des Gebetsablaufs war nicht einfach, doch ich gab mein Bestes, zwischen all den Gläubigen nicht unangenehm aufzufallen. Darauf folgt ein weitaus angenehmeres Ritual, nämlich das gemeinsame Frühstück, welches jeden Morgen als kleines Dankeschön gereicht wird. Zwieback, Banane und Milchtee – ganz einfach gehalten. Man tauscht sich mit anderen Volunteers aus und stimmt sich auf die kommende Schicht ein. Zum Schluß wird ein kurzes Gebet gesprochen, anstehende Neuigkeiten vermittelt und Helfer, die ihre letzte Schicht beginnen, werden mit einem gemeinsamen Lied verabschiedet. Das hatte tatsächlich etwas vom berüchtigten “Händeklatschen und Singen” im Kirchenferienlager, doch es kam von Herzen – sprichwörtlich: “We thank you from our heart, we love you from our heart, we miss you from our heart.”

 

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… im Gebetssaal des Mother’s House; Mutter Teresas Grabmal rechts im Bild..

 

Nun wurde es ernst. Gruppen werden gebildet, die gemeinsam zu den verschiedenen Einrichtungen im Umkreis aufbrechen. In einer der größten Städte des Landes bedeutet das durchaus bis zu einer Stunde weiteren Weges. Für mich ging es nach Kalighat, denn ich hatte mich dort für die Unterkunft zur Erstaufnahme angemeldet. Neben einigen Häusern speziell für Frauen und Kinder kommen hier zunächst die neuen Patienten an, um nach einer gewissen Zeit anderswo untergebracht zu werden – wenn sie die Zeit überstehen, was nicht immer ganz klar ist. Auf dem Weg merkte ich mir die möglichen Buslinien und den Rest der Wegstrecke zu Fuß, um später auch allein klarzukommen. Tatsächlich kannte ich diesen Ort bereits, denn Kalighat ist einer der wichtigsten Tempel der Stadt, wenn auch bei weitem nicht der Schönste. Mein Freund Kanishka hat mich zuvor dorthin begleitet, und selbst mit einem Einheimischen im Schlepptau wurden wir von Leuten in und um den heiligen Ort abgezogen. Höhepunkt war ein Opferritual, bei dem ein Lamm geköpft wurde. Mir war ein paar Tage lang eher nach vegetarischem Essen zumute. Auch von anderen Touristen hört man ähnlich unbehagliche Geschichten.

 

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… Arbeitsausweis, zur Vorlage.

 

Meine Wirkungsstätte befand sich direkt angrenzend zum Horrortempel. Nachdem wir unser Helferkärtchen am Eingang präsentierten und sorgsam auf einer Liste abgehakt wurden, ging es zunächst ein Stockwerk höher zum Pausenraum. Wasser mit Glucose, Chai, Kekse – die Grundversorgung war da. Ich würde es später dringend brauchen. Nun kam die Zeit, endlich loszulegen. Als ich den Aufenthaltsraum betrat, erwarteten uns die männlichen Patienten bereits ringsherum auf den gefliesten, in die Wand eingelassenen Pritschen und auf Plastikstühlen an einigen Tischen sitzend. Diejenigen mit größeren Handicaps verblieben weitestgehend im Rollstuhl und die akuten Fälle im benachbarten Bettensaal. Alle trugen grüne Einheitskluft. Manche lächelten, falteten die Hände und senkten den Kopf zum Gruß. Nach dieser großen Runde, vorbei an circa 40 Gesichtern, deren Ausdruck kaum unterschiedlicher sein konnte, war ich fast ein wenig verblüfft über die Freude und Dankbarkeit, die uns Helfern insgesamt entgegen gebracht wurde. Das gab Kraft. Ich suchte mir direkt Arbeit und stellte mich an eines der großen Becken, um die Wäsche vom Vortag zu erledigen. Dank der glühenden Hitze, die bereits am Vormittag ihr Bestes gab, kam ich auch direkt ordentlich ins Schwitzen.
Anschließend hiess es, sich um die Patienten zu kümmern. Ein erfahrener französischer Kerl in den Fünfzigern wies mich an, einen der Patienten zum WC zu bringen. Und schon war ich mittendrin im “Toilettenfestival”, von dem ein Volunteer einige Tage zuvor gesprochen hatte. Da es sich um konzentrierte Fließbandarbeit mit den Bedürftigen handelte, gab es kaum Zeit zum Nachdenken. Zwischendrin drangen immer wieder Tipps und motivierende Worte vom Franzosen an mein Ohr, der froh war, eine helfende Hand mit schneller Auffassungsgabe und niedriger Hemmschwelle gefunden zu haben. Wobei sich letztlich alles aus der Not der Situation heraus ergab.

 

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… Eingang zum Mother’s House.

 

In der Pause brachte er nochmals seine Dankbarkeit zum Ausdruck. Dieser Claude war schon ein interessanter Kerl. Sein Pendeln zwischen mehr oder weniger witzigen Kommentaren und strengen Arbeitsanweisungen kann man als einzigartig bezeichnen. Schon seit unzähligen Jahren immer wieder auf dem indischen Subkontinent unterwegs, bleibt er sogar mindestens sechs Monate für das Volunteering in dieser Einrichtung. So wie einige Weitere mit ihm.
Unglaublich, wie sich die Helferstruktur hier zusammen setzt: Kaum jemand ist nur für ein paar Tage da, meist reden wir von Wochen oder Monaten. Mit oder ohne katholischem Hintergrund, kommen die Helfer von überall her. Teils nur, um in Kolkata zu arbeiten. Zwei größere Gruppen mit amerikanischen Jugendlichen gaben sich die Klinke in die Hand. Sie kamen aus veschiedenen Bundesstaaten zusammen mit einem Priester angereist.
Irritierend war Claude’s Antwort auf meine Frage, wo denn die Patienten herkämen. “Das hat uns nicht zu interessieren, wir machen hier nur unseren Job!” Mit dem Hintergrund, dass ich dieser Art Hilfseinrichtungen, sogenannten NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen), recht kritisch gegenüber stehe, war das keine befriedigende Antwort. Zu oft hört man abenteuerliche Geschichten, in denen arme Teufel dazu missbraucht werden, solch einer Institution zu mehr Kapital zu verhelfen. Kurz – es geht häufig nur um den reinen Eigennutz der Betreiber. In diesem Fall gab ich mich damit zufrieden, dass wir für diese Menschen da sind, ihnen Zuwendung geben und der tägliche Anblick der Abgemagertheit, Wunden, Verstümmelungen und Behinderungen einfach mal real ist.

Die zweite Hälfte des Vormittages gestaltete sich etwas ruhiger. Wir gaben zuerst Medizin und später das Essen an die Patienten aus, darauf folgend konnten wir unserer Wege gehen. Ich entschied mich für die schnellere Variante per Metro zurück zum Gästehaus, duschte mich so intensiv wie noch nie, besorgte mir etwas zum Essen und begab mich umgehend wieder zur zweiten Schicht in Richtung Kalighat.
Dieser kurze und entspanntere Hilfseinsatz am Nachmittag besteht im wesentlichen aus Bewegungsübungen mit einigen der Männer. Eine Gelegenheit, in Kontakt zu kommen. Ebenso mit den Ordensschwestern, die alle eine bewundernswerte Balance aus Liebenswürdigkeit und Strenge an den Tag legen. Nachdem alle zu Bett gebracht wurden, ist mein Einsatz beendet. Und wahrlich, man spürt die Arbeitsstunden in jeder Faser des Körpers. Außer relaxen, dinnieren und schließlich totmüde umfallen ist da nicht mehr viel rauszuholen.

 

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… freiwillige Helfer beten an Mutter Teresas Grabmal.

 

Ganz ähnlich verliefen die nächsten zwei Einsatztage. Man konnte fast von Routine sprechen, die sich recht schnell einstellte. Nur ein weiteres Mal zweifelte ich an dem, was ich dort tun sollte, als ich versehentlich Medikamente vertauschte. Und ausgerechnet bei den beiden Härtefällen auf der Station, die im Bett verblieben und per Schlauch ernährt wurden. Es ist, wie es ist – ich bin kein ausgebildeter Pfleger, und die Sprachbarriere zur Schwester mit akzentstarkem Englisch macht es da nicht besser. Auch wenn de facto nichts Schlimmes passiert ist, empfand ich es trotz allem als sehr ärgerlich.
Und selbstverständlich kam ich noch ans Limit. Einer der Patienten, der durch seine zickige Art auffiel und es mit seinem unterhaltenden Spiel auf dem Tabla wieder wettmachte, sollte seinen Fußverband gewechselt bekommen. Ich folgte Claude und einem jungen Amerikaner, der seinen ersten Tag in der Einrichtung bestritt, in den Behandlungsraum. Man konnte uns getrost als kräftigsten Teil der Helfertruppe bezeichnen, und man brauchte uns, um diesen schmächtigen Kerl in Schach zu halten. Einige Augenblicke später verstand ich, warum. Claude tat sein Bestes, beruhigend auf diesen armen Mann einzureden: “Shanti baba, shanti!” Er wand sich unter Schmerzen, wimmerte und flehte, wiederholte die Worte des gutmütigen Franzosen. Als der Verband entfernt war, kam die Wundsäuberung. Wir packten fester zu, Claude oben, ich in der Mitte, der Junge unten. Er tat mir leid, hatte er doch den direkten Blick auf den verstümmelten Fuss. Doch viel ergreifender die Qual des Patienten. Während die entzündeten Stellen aus Fleisch und Knochen desinfiziert wurden, konnten wir ihn kaum noch unten halten. Und schließlich – geschafft. Die neue Bandage war angelegt, der Mann schwach in sich zusammen gesunken. Innerlich war ich das auch, und für einen kurzen Moment den Tränen nah.

Umso größer ist mein Respekt vor Ärzten, Pflegekräften und dem allgemeinen sozialen Bereich nach diesen drei Tagen in Kolkata geworden. Es ist ein Wahnsinnsjob zwischen Abgeklärtheit, um nicht emotional unterzugehen und liebevoller Zuwendung, um nicht zur herzlosen Maschine zu mutieren. Ein wahrer Balanceakt, und meine Bewunderung gilt Allen, die ihn Tag für Tag meistern!
Man kann für eine solche Erfahrung als Volunteer nur dankbar sein. Zu lernen, zu helfen, einfach etwas zurückzugeben von dem, was einem täglich selbst an Gutem widerfährt. Und sich letztlich mal wieder erden können.
Ganz klar – es gibt immer Möglichkeiten, sich einzubringen, wenn Hilfe benötigt wird. Wir sollten uns mehr darauf besinnen, dem Raum zu geben. Denn die soziale Gemeinschaft, wie man sie hierzulande vor allem in den dörflichen Gegenden antrifft, lässt gerade den westlich geprägten Stadtmenschen manchmal irritiert erstarren. Es scheint, als hätten wir eine Menge verlernt. Und es ist höchste Zeit, das wieder ins tägliche Leben zurück zu holen!

In Kategorie: Allgemein

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

4 Kommentare

  1. Da Tschoff

    Hab beide Teile wieder einmal eingesaugt und mag sie wieder sehr. Es ist großartig, was du alles erlebst und wie du es verstehst, dass dann noch in Worte zu packen, die die erlebten Emotionen förmlich mitliefern.
    Triff weiter auf viele tolle Menschen und Orte und im voraus Danke, wenn du uns wieder daran teilhaben lässt.

  2. Christine und Wolfgang

    Lieber Sascha,
    toll, Deine Reiseberichte!
    Weiterhin viele spannende Erlebnisse und Begegnungen – freuen uns auf Deine Rückkehr!
    Deine Fröhlich´s

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