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[Bericht] Pilgerfahrt zur goldenen Pagode

In Mumbai gab es nicht viel, was ich unbedingt sehen wollte. Einer der wichtigsten Punkte auf der Wunschliste war jedoch der Besuch der Global Vipassana Pagoda. Das riesige Monument besticht vor allem durch die alles überragende goldene Kuppel, welche auf das sonst recht flache Gebäude gesetzt ist. Zugegeben, mich interessierte in erster Linie weniger die Architektur, als vielmehr inhaltliche Aspekte dieses Ortes. Denn Vipassana ist die Meditationstechnik, welche ich seit über zwei Jahren selbst praktiziere. Die vergangenen 14 Monate regelmäßiger, jedoch auch mit Pausen. Und meist morgens. Das nimmt dann pro Sitzung gleich mal 30-60 Minuten in Anspruch, wobei die ganz ernsthaft Meditierenden jeweils eine Stunde morgens und abends dafür reservieren. Mit Sicherheit sinnvoll, und doch gilt hier (wie für so manches) die herrliche Faustregel einer Assistenzlehrerin. Auf die Frage eines Schülers, wie man denn damit umgehen könne, nicht zwei Stunden am Tag zum „Sitzen“ aufzubringen, antwortete sie liebevoll und bestimmt zugleich: „Alles ist besser als nichts.“

Wohl einer der Gründe, warum diese alte buddhistische Technik tausende Jahre quasi von der Bildfläche verschwunden war. Denn sie ist etwas aufwändiger, als ein kurzes Gebet aufzusagen oder sich ein paar Minuten einem Mantra hinzugeben. Das soll andere Techniken oder religiöse Rituale nicht schlecht dastehen lassen. Es ist eben nur ein Fakt, dass der bequeme oder auch gehetzte Mensch zum Vereinfachen neigt, was allerdings nicht immer zielführend ist, wenn man entsprechende Ergebnisse erreichen möchte. So auch beim Meditieren. Tatsächlich, mit zwei Stunden pro Tag könnte ich wesentlich intensiver arbeiten. Doch alles ist besser als nichts.

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Durch Freunde mit Vipassana in Kontakt gekommen, entschloß ich mich schließlich, im Januar 2014 selbst einen Kurs im Vogtland zu absolvieren. Das bedeutet vollkommene Stille, und weder Reden, noch Körperkontakt. Weiterhin bleiben Handys, Bücher, Schreibgeräte und ähnliches fern. Obwohl man mit bis zu 90 weiteren Personen „sitzt“, bleibt man für sich. Schaut nach innen, ganz tief. Und das 10 Tage am Stück, jeweils für 10 Stunden. Was man dann sieht, lässt einen aufgeregt und fiebrig werden, wird erschaudern lassen und vielleicht sind auch Tränen im Spiel. Und dann diese Losgelöstheit, der ganz tiefe Frieden mit sich. Gut möglich, dass es sich öfter abwechselt. Alle von uns tragen andere Geschichten mit sich herum, und was während eines Kurses hochkommt, ist entsprechend unterschiedlich. Jedoch ist es eine einmalige Gelegenheit, sich selbst so nahe wie sonst nie zu kommen. Denn wann bitte hat man mitten im Alltag – und selbst im Urlaub – einmal die Gelegenheit, so sehr bei sich zu sein, in absoluter Stille. Quasi eine überschaubare Zeit als Mönch oder Nonne.

Sicher… denkt man daran, es selbst zu probieren, sind auch Bedenken und Furcht im Spiel. Doch ein solch intensiver Blick nach innen ist kostbarer als alles, was man für den Kurs bezahlen könnte. Und tatsächlich sind diese 10 Tage seit jeher kostenlos. Das finde ich nicht nur sozial und ehrlich, es bootet auch so einige Komplikationen bereits im Vorfeld aus. Kaum jemand wird sich wegen unzureichenden Meditationsergebnissen, mangelhafter Unterkunft oder schlechtem Essen beschweren. Denn alle geben zunächst nur eines – nämlich der Technik eine Chance, mit harter Arbeit an sich selbst über die gesamte Dauer des Kurses. Danach kann man wieder tun und lassen, was man möchte. Und im Nachhinein gern auch spenden, was Jede/r eben kann und will. Doch nur nach erstmaligem Abschluss des kompletten Zeitraums, wenn die Vorteile des Kurses im wahrsten Sinne „erfahren“ werden konnten. Faire Sache, oder etwa nicht?

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Die Fahrt zur Pagode hielt die inzwischen normal gewordenen Überraschungen bereit. Ich hatte mich zwar schon vorweg informiert, welcher Bus ab dem zweiten Teil der Route zu wählen sei, jedoch war nicht ganz klar, wo man sich dafür am besten platziert. Ich fragte mich wie immer durch und überquerte die Straße, um mich an die Haltestelle zu setzen, wo auch die Busnummer stand. Nach zehn Minuten kam das Klapperteil. Ich schmiss mich wagemutig über die Brüstung, enterte den Bus. Und starrte in fragende Augen. Man gab mir zu verstehen, dass hier Endstelle sei und ich in die andere Richtung fahren müsse. Okay, die Euphorie war kurz gedämpft. Jedoch erinnerte es mich zumindest daran, fürs nächste Mal lieber zwei Leute mehr nach ihrer fachkundigen Einschätzung zu fragen. Sicher ist hier einfach mal sicher, wenn es um’s Durchfragen geht. So ungefähr… frag fünf Leute und leite dir einen sinnvollen Zusammenhang her – dann sollte es vielleicht klappen. Und doch ging es unglücklich weiter. Andere Straßenseite, neuer Bus. Durch die gelegentlich eher unzureichende Kennzeichnung scheine ich zum zweiten Mal falsch aufgesprungen zu sein. Also wieder raus. Zwar nirgendwo eine Bushaltestelle, du stehst mitten in der Sonne, doch jetzt ist nochmaliges Warten und in den richtigen Kasten einsteigen angesagt. Das funktionierte hitzige zehn Minuten später sogar. Die richtige Nummer stand drauf, nur noch mal sicherheitshalber drinnen fragen. Statt den normalerweise sehr pfiffigen und gewandten „Busmanagern“ stand ich nun einem älteren Herren gegenüber, der erst mal kategorisch mit dem Kopf schüttelte. Wohl einfach, weil er mich nicht verstand. Also mal wieder allen Mut zusammen nehmen und laut durch den Bus fragen, wer denn Englisch versteht. Alles löste sich in Wohlgefallen auf und weiter ging es gen Wallfahrtsort. Nur noch eine Überfahrt per Schiff zur Halbinsel nördlich von Mumbai, und ich war da.

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Auf einem kleinen Hügel gebaut, erhob sich die goldene Kuppel der Global Vipassa Pagoda schon von weitem aus dem Grün des Flussufers. Spätestens nach dem Verlassen der Fähre merkt man, dass doch direkt neben diesem heiligen Ort ein Vergnügungspark gebaut wurde. Wer weiß, ob dieser sogar zuerst da war. Spielt auch keine Rolle. Mal wieder ein typisch indischer Kontrast, wie könnte es anders sein. Das sanfte Kreischen von der Wasserrutsche nebenan im Einklang mit der tiefen buddhistischen Innenschau.

Während ich durch den Eingangsbereich lief, ertönte bereits der vertraute Klang von S.N. Goenka, dem vor einiger Zeit verstorbenen Vipassana-Lehrer, der diese verlorene Technik über Jahrzehnte von Burma aus über Indien in die Welt getragen hat. Sein gelegentlicher Gesang, oder besser Chanting, sollte während der Kurse stets gute Schwingungen verbreiten. Dessen war man sich an gewissen Punkten nicht ganz sicher, selbst nach der Gewöhnung an diese für westliches Gehör eigenwilligen Töne und Rhythmik. Für mich ist es jedoch mittlerweile etwas Vertrautes, das ein Lächeln auf’s Gesicht zaubert.

Schließlich entdeckte ich entlang der langen Außenmauern der Pagode einen Zugang, nachdem ich zuvor bereits einen Großteil der drumherum angebrachten Tafeln mit kleinen buddhistischen Weisheiten bestaunen konnte. Ein kurzer, schmaler Gang führte mich für einen Augenblick ins Innere. Getrennt durch eine Glaswand. Eine karge, graue Halle zeigte sich, in dessen Mitte die Portraits von Goenkaji und seiner ebenfalls kürzlich verstorbenen Frau überlebensgroß ausgestellt wurden. Ich las davon, und auch über kontroverse Diskussionen. Denn beim Vipassana geht es eben gerade nicht um das Verehren von Personen, nicht einmal von Buddha. Sondern nur um das Ehren und Verfolgen der guten Eigenschaften, mit denen Erleuchtete wie Siddharta Gautama im positiven Sinne auf sich aufmerksam gemacht haben. Doch nun, da ich die großen buddhistischen Statuen und diese riesige Kuppel gesehen hatte, kam mir diese Debatte ziemlich sinnlos vor. Denn augenscheinlich ist es eben genau dieser Ort, der zum Verehren gedacht ist. Genau hier wird auch mit Bildern und Statuen gehuldigt. Und nur hier, nirgendwo sonst. Warum nicht, solange es aus den Kursen fern bleibt. Was ist eine Pagode gegen Millionen von Kirchen, Tempeln und Moscheen?

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Als ich wieder ins Sonnenlicht trat, zog ein weiteres Schild meine Aufmerksamkeit auf sich. „Alte Schüler dürfen in der Pagode meditieren.“ Wow! Mit Abschluss eines Kurses konnte ich mich bereits eine Weile als solcher bezeichnen, und so fragte ich mich durch. Zunächst verschlug es mich wieder ins untere Stockwerk, wo ich das Vergnügen hatte, mir eine unglaublich bewegende, wunderschön gemalte Ausstellung von Bildern zum Leben und Wirken Buddhas anschauen zu können. Mit Umweg zum Büro des Areals ging es letztlich doch wieder direkt hoch zu einer der großen Pforten des Hauptgebäudes. Sicherheitshalber einmal mehr fragen, und schließlich auf leisen Zehen hineinschlüpfen ins große, graue Innere. Langsam bewegte ich mich auf die großen Portraits von Goenka und Gattin in der Mitte des Raumes zu. Man fühlte sich regelrecht verloren, und tatsächlich war ich hier ganz allein! Der Stapel mit Sitzkissen war schnell ausgemacht, ebenso die richtige Seite zum Meditieren für die Männer. Ich schloss die Augen und atmete tief ein, versuchte den Moment zu genießen, jedoch gleichzeitig auch in die Konzentration zu finden. Es gelang prima. Zusammen mit den unwirklich hallenden Geräuschen, die von Menschenstimmen und Vogelzwitschern nach innen drangen, hatte das Ganze etwas regelrecht Psychedelisches. Ein unvergessliches Erlebnis und ganz sicher einer der bisherigen Höhepunkte meiner Reise!

Mit Auto-Rikscha, Zug und Metro ging es recht selig zurück zu den Sheffield-Towers im Westen Mumbais, wo ich mich gerade ganz oben im 21. Stock samt Panoramablick einnisten durfte. Wie schön kann’s denn bitte noch werden?

Wer neugierig geworden ist, findet nun hier weiterführende Links zum Thema bzw. auch eine Auswahl von Vipassana-Meditationszentren:

Was bedeutet Vipassana? / Kurse / Standorte – Vipassana Vereinigung Deutschland

Vipassana – Wikipedia

 

 

In Kategorie: Allgemein

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

5 Kommentare

  1. Gritt Mueller

    Ach herrlich!Nach einem anstrengenden Arbeitstag wieder ein beeindruckender Bericht von dir,lieber Sascha.Ich konnte in eine andere Welt eintauchen und so herrlich entspannen bei deinen Worten.Dazu die wunderschönen Bilder-großartig.Es ist schön deine Reise so mit zu erleben.Alles Liebe von mir❤🍀

  2. Matze

    Jau, toller Artikel. Gerade gestern dran gedacht, mit Meditation wieder anzufangen und jetzt lese ich den alles-ist-besser-Spruch und was von deiner Meditationspraxis. Das ist ’nen Wink 🙂

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