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[Bericht] Warten in Siliguri

Sikkim und Darjeeling liegen hinter mir, die bislang schönste Zeit. Nun zurück im eigentlichen Indien, mit deutlich mehr Schmutz und Geräuschpegel. Warten in Siliguri. Ein Ort, an dem man höchstens zwangsläufig verweilt, denn es ist einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte im Nordosten. Der Zug hat bislang 8 Stunden Verspätung, anscheinend hat der Monsun nicht nur hier alles komplett unter Wasser gesetzt. In einem mehr oder minder schäbigen Restaurant mit Blick auf den Bahnhof sitzend, beobachte ich die Szenerie draussen auf den überfluteten Strassen. Jeeps, Busse und Rikshas bahnen sich den Weg durch die braune Brühe. Regenschirme überall. Wer mit festen Schuhen unterwegs ist, hat schlechte Karten. Auch ich habe zu Sandalen wechseln müssen. Nur nicht nachdenken, durch welche Kloake man gerade watet. Nach einem hier bestmöglichen Frühstück aus labberigem Toast, Omelett und Ketchup samt Tee stehe ich rauchend am Eingang und sehe den Kakerlaken dabei zu, wie sie um einen Weg an Land kämpfen. Eine wahre Invasion. So ziemlich der Höhepunkt dieser Tristesse.

Das Melancholielevel erreicht neue Tiefen. Schlimm genug, die bislang schwersten Abschiede am Vortag hinter mich gebracht zu haben. Und anschließend an diesem Ort übernachten, wo niemand gern mehr Zeit als unbedingt notwendig verbringt. Das Gefühl von Alleinsein, so dass man einfach nur froh ist, endlich vom Schlaf erlöst zu werden, nur um morgens in selbigem Zustand wieder aufzuwachen. Rückblickend war die nicht enden wollende Wolkenglocke in Darjeeling gar nicht so schlecht, auch wenn man die ganze Zeit das Gefühl hatte, träge durch den Tag zu schweben.

Das permanente Gehupe raubt den letzten Nerv, und man möchte schreien. Immerhin besser als die ununterbrochenen Bahnhofsansagen. Shanti shanti shanti.

In solchen Momenten ist es heilsam, sich daran zu erinnern, was Indien bislang gelehrt hat: Ein großer Sack voll Scheiße hilft dabei, kurze Zeit später die schönsten Blumen sprießen zu lassen. Leid formt Worte, ein schweres Herz eine Art Lebendigkeit. Schwer, sich hier abzulenken, doch mindestens sechs weitere Stunden Wartezeit in diesem Loch wollen überbrückt werden. Schreiben, die neuen Episoden der Lieblingsserie schauen, den Mix des letzten DJ-Gigs in der Teemetropole durchhören, schneiden und online stellen. Hauptsache ablenken.

Das Leben auf Reisen hat definitiv seine Tiefpunkte. Die braucht es, um sich zu neuen Höhen aufzuschwingen. Heute nacht werde ich mit etwas Glück in einem der entlegensten Zipfel Indiens angekommen sein, wo mich mein argentinischer Freund am nächsten Morgen bereits erwartet. Auf zum nächsten Kapitel…

… pour Eve.

In Kategorie: Allgemein

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

5 Kommentare

  1. Martina

    oh man… puh, tief durchatmen oder lieber nicht zu tief wegen der kloake,… hoffe du kannst den tristen ort bald verlassen und dich weiter auf den Weg zu deinem freund begeben. Aber finde es gut, wie du mit den Tiefen umgehst! Wer behauptet reisen ist ein Zuckerschlecken, war nie länger unterwegs… Fühl dich gedrückt und bald kommt der innere Sonnenschein zurück!

  2. Leila

    Du bist unser Super Saschi! Unser Held! Unser Freund!
    Danke, dass du uns so aufrichtig und selbstverständlich daran teilhaben lässt.

    Und… Manchmal wirkt die Tiefe deswegen so tief…[..]..weil man von oben schaut ❤️

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