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[Bericht] Coco Loco in der Kriegszone

Wisst Ihr, was mich sprachlos macht? Die Schönheit der Welt, nicht enden wollende Eindrücke während einer Reise. All das so beflügelnd, dass man sich eine Vielzahl von Geschichten im Kopf erzählt – doch tatsächlich die richtigen Worte zu finden, und einen kleinen Teil davon schließlich niederzuschreiben, das erfordert eine Zeit des Innehaltens und Sammelns. Einen passenden Ort dafür habe ich nach zweieinhalb Wochen in Kolumbien gefunden. Am karibischen Meer, an Panama grenzend.

Die auf der touristischen Landkarte immer mehr an Bedeutung gewinnenden Städtchen Capurganá und Sapzurro sind bereits vor circa 25 Jahren ein beliebtes Ausflugsziel für besserverdienende Kolumbianer gewesen. Vielleicht weniger Ironie als pure Absicht, dass auch einige Drogenbosse hier ihre großen Anwesen haben bauen lassen, direkt an der wohl wichtigsten Schmuggelgrenze schlechthin. Heutzutage verfallen einige der protzigen Bauten, während die Eigentümer ihre Zeit im Knast absitzen. Doch auch generell hat man in der Nebensaison oft das Gefühl, eine Menge im Stich gelassene Grundstücke zu sehen. Tatsächlich soll es, sobald die Ferienzeit in Kolumbien startet, selbst in den entlegendsten Winkeln ganz anders aussehen. Das scheint angesichts der hier und da sehr verwahrlost wirkenden Bretterbuden mindestens ein “interessanter Gedanke” zu sein.

Jedoch beginnt der interessante Teil bereits bei der Anreise, denn diese gibt’s nur auf dem Wasserweg. Und wer sich denkt, mit einer kurzen Bootstour wäre es getan, wird spätestens dann eines Besseren gelehrt, wenn der 50-Personen-Kahn mit mehreren Heckmotoren nach ein paar Minuten die volle Fahrtgeschwindigkeit aufgenimmt. Als halbwegs vorbereiteter Reisender fand ich bei den vorangehenden Recherchen heraus, dass während der Überfahrt ab der Küstenstadt Turbo (ja, es passt wie Gesäß auf Eimer) kollektive Panikattacken, gellende Schreie, sowie blaue Flecke übelster Sorte bishin zu ausgeschlagenen Zähnen und Knochenbrüchen keine Seltenheit zu sein scheinen. Den ständigen Partner Google etwas intensiver auf die Probe gestellt, habe ich mich zu der etwas entspannteren Route von Necoclí nach Capurganá durchringen können. Das Vehikel sei wesentlich besser in Schuss, die Fahrt kürzer, und von größeren Verletzungen war keine Rede. Sicherheitshalber habe ich nicht nur meinen großen Rucksack im Hotel eingemottet, sondern schon einen Tag zuvor meine letzten zwei rohen Eier aus dem kulinarischen Überlebenspaket entfernt. Ja, daran musste ich lachend denken, als das Boot zum gefühlt tausendsten Mal bretthart auf der Meeresoberfläche aufschlug. Direkt gefolgt von dem Wunsch, ein Hinterteil aus Watte zu haben, denn die Plastikpritschen haben nun mal rein gar nichts abfedern können. Auf Laptop und Fotoequipment wollte ich dennoch nicht verzichten. Und was soll ich sagen – alles hat zumindest bis zu diesen Zeilen überlebt.

Der erste unserer insgesamt vier Zwischenstopps war bereits paradiesisch. Während sich ein Pärchen mit einer Miniaturvariante eines Hundes auf dem Arm aus dem Wellenpeitscher hieven liess, sprach die Bucht laut und deutlich zu mir: “Meinst du im Ernst, es wird noch schöner? Steig doch einfach gleich hier aus!” Und es schien was dran zu sein, denn im Hafen von Capurganá schrie erstmal alles nach dem großen Touristenfang des Tages. Wie gut, dass auch hier meinerseits vorgesorgt wurde, und ich lediglich auf meine in einen Plastiksack gewickelten Habseligkeiten wartete, um danach direkt die recht sportlich gestaltete Stunde in Richtung des auserkorenen Hostels in Angriff zu nehmen. Man scheint sich nicht allzu viel Mühe mit dem Anbringen von Wegweisern zu machen. Deshalb war es trotz abgespeckter Gepäckvariante gar nicht so einfach, nach ein paar Sackgassen schließlich in dem verschlafenen Dorf “El Aguacate” zu landen.

Natürlich hätte man auch ein weiteres mal den Wasserweg wählen können, doch die letzten Wochen im Sparmodus liessen mich nicht einmal ansatzweise darüber nachdenken. Obwohl der Abenteuerfaktor in einem nochmals kleineren Boot sicher nicht zu verachten gewesen wäre, gab ich mich mit dem Weg entlang der malerischen Küste mehr als zufrieden.

Kaum vorstellbar, dass hier zwischenzeitlich der allbekannte Krieg zwischen der kolumbianischen Regierung, paramilitärischen Gruppen, kriminellen Syndikaten und Guerilla-Truppen wie FARC und ELN den Tourismus zum vollständigen Erliegen brachte, und das Gebiet eigentlich seit den letzten fünf Jahren erst wieder richtig aufblüht. Zu friedlich liegen die Holzhäuser an dem von zwei Felsen eingerahmten Küstenstreifen, wo sich auch meine Bleibe befindet. Und direkt dahinter El Aguacate, ein Dorf ohne eine einzige Tienda (kleiner Kaufmannsladen), dafür allerdings mit schönem Sandstrand.

Am Hostel angekommen, begrüßt mich Morgan und ich bemerke sofort den französischen Akzent. Die anfängliche Verwirrung, dass sie nicht mit Gästen gerechnet hat, verfliegt recht schnell und wir verwickeln uns in Gespräche. Zusammen mit ihrem Partner Quentin betreibt sie das Hostel seit nunmehr über einem Jahr und weiss eine Menge über die Gepflogenheiten und Fallstricke eines Lebens an diesem strukturell stark herausfordernden Ort zu berichten. So gibt es zum Beispiel nur einmal pro Woche eine große Lieferung an Lebensmitteln für den Küstenabschnitt auf dem Wasserweg, so dass nach kürzester Zeit die Auswahl in den Läden schon wieder geringer wird. Bis der nächste Schwung eintrifft. Am besten, man reserviert die Sachen, die auf jeden Fall gebraucht werden. Vor allem, wenn man einen touristischen Betrieb zu unterhalten hat. Ebenso spannend war für mich die Vorstellung, wie sie Gefriertruhen, Kühlschränke etc. bis zu dem Hostel manöveriert haben.

Darüber hinaus sprechen wir über Wasserknappheit zur Trockenzeit, ständige Stromausfälle und die Eigenheiten der Einwohner. Meist starke, trainierte Männer und gut gepolsterte Frauen, die eine Gemütlichkeit und Leichtigkeit ausstrahlen, denn genug Zeit hat man hier ohne Frage. Da kommt es nicht auf Minute, Stunde oder Tag an. Vor Arbeitsbeginn wird erstmal geplaudert, gegessen und vielleicht besucht man erst noch den Bekannten vom Nachbargrundstück, wo man schon mal in der Nähe ist. Doch wenn schließlich der Hammer in die Hand genommen wird, geht es durchaus schnell und professionell zu – die Leute hier wissen, was sie machen.

Schließlich sei erwähnt, ein Großteil der Küstenbewohner liegt einfach den ganzen Tag in der Hängematte oder sitzt gemütlich auf der Veranda – und tatsächlich, es inspiriert. Glücklich schätzen können sich diejenigen, die wirklich komplett abschalten können. Die Menschen hier verstehen es perfekt, einen Tag mal ganz relaxt auszusitzen, doch für viele Touristen – da nehme ich mich nicht völlig raus – ist es anfangs irritierend bishin zu einer kleinen Qual, wenn sie auf einmal mit derart viel Zeit und Ruhe konfrontiert sind. Kein TV auf dem Zimmer, nicht mal ein Radio und womöglich hat man sich auch kein Buch mitgebracht. Hätte man doch wenigstens eine kolumbianische SIM-Karte samt Datenpaket für das Handy!!!

Also was tun? Nun, die Möglichkeiten sind vielfältig. Denn man hat hier was Besseres als 3D-Kino, nämlich üppigste Vegetation und das karibische Meer vor der Haustür. Man darf sich zwischen Wellen, die auf Stein, Korallen oder Sand treffen entscheiden. Ob man sich eine Abkühlung in der Dusche, einem der natürlichen Süßwasserpools der Gegend oder im ganz ganz großen, ozeanischen Schwimmbecken verschafft. Geht man heute mal links oder rechts vom Hostel die Küstenlinie entlang? Vielleicht braucht man ja noch was aus dem Laden und läuft mal eben die Stunde zurück nach Capurganá? Später noch mit weiteren Backpackern ein, zwei Coco Loco am Strand schlürfen, warum nicht? Mit etwas Ausdauer schafft man sogar einen Tagesausflug über die Grenze nach Panama. Oder man bleibt einfach in der eigenen Hängematte und hört auf den Klang des Dschungels. Gute Alternativen, wenn nicht gar das beste 3D-Programm, was man sich wünschen könnte – erfahrbar mit allen Sinnen!

In Kategorie: Bericht

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

5 Kommentare

  1. Gritt Mueller

    Habe gerade Mittagspause und war mit deinem Reisebericht sooo weit weg😊Immer wieder faszinierend, wie du schreibst.Du könntest echt ein Buch schreiben für alle Zuhausegebliebenen,sich nicht so was Trauende und für alle,die so die herrliche Welt kennen und sehen lernen,ohne je dortgewesen zu sein.Phantastische😘

  2. Christine & Wolfgang

    Dein Reisebericht liest sich wunderbar,! Du solltest nach Deiner Rückkehr alles in einem Buch
    veröffentlichen!
    Wir wünschen Dir weiterhin tolle Erlebnisse und Begegnungen – freuen uns auf weitere Berichte und Foto’s! Viel Spaß und alles Liebe!

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