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[Bericht] Goa – ein erneuter Anfang

Wow, nach circa vier Wochen Indien ein unglaublich schönes Gefühl des Angekommen Seins. Das Städtchen Agonda, im Süden Goas gelegen, ist der Grund dafür. Schon auf der abenteuerlichen Fahrt zum neuen Domizil stellte sich ein gewisser „Flow“ ein. Jener Zustand, den doch so viele mit Goa in Verbindung bringen. Auch wenn schon längst nicht mehr nur von Hippies, Yoga und Full Moon Parties die Rede sein kann. Und doch, so stellt man sich vor… alles fließt, es soll und kann und darf so sein, wie es ist. Zufriedenheit und Glücklichsein. Und das, wie schon erwähnt, bereits auf der nicht wenig kapriziösen Fahrt im Bus – trotz fehlender Ventilatoren oder Klimaanlage. Da muss die Zugluft vom geöffneten Fenster ausreichen. Obendrein noch zwei Mal umsteigen und beim dritten Stopp an der Endstelle Palolem Beach noch ein unvorhergesehenes Abenteuer. Wie nun die 15 Minuten Fahrt zum Resort im Nachbarort hinbekommen, ohne den gierigen Taxifahrern das Dreifache der gesamten Busstrecke nochmals in den Rachen zu werfen? Und auch hier fügte es sich, wie so oft während meiner bisherigen Reise. Die Jungs vom soeben entstiegenen Bus hatten Mitleid und nahmen mich einfach ein Stück mit zurück, während der Fahrer ein Bike samt Chauffeur orderte. So wurde immerhin die Hälfte gespart.

Zum besseren Verständnis – natürlich kostet hier so gut wie alles nur einen Bruchteil dessen, was man in den meisten Ecken Europas bezahlen würde. Jedoch falle ich unter die Kategorie „Budget-Backpacker“. Das heißt in meinem Fall, mit relativ wenig möglichst lange unterwegs sein. Okay, mit geringem Gepäck reise ich schon mal nicht. Bei jedem „Umzug“ zu einer neuen Unterkunft, an einen neuen Ort hasst man sich ein ganz kleines bisschen für die sprichwörtliche Last auf den Schultern. Und vor allem an einem heißen Tag in drei verschiedenen Bussen.

Wie auch immer, Indien soll im Laufe dieser Monate ohnehin mein ganzes Budget bekommen. Aber doch bitte halbwegs gerecht verteilt: Die Münzen bekommen stets Bettler. Essen vom Straßenstand ist oft ebenso gut wie im Restaurant, es darf also getrost überall probiert werden, solange man gewisse Grundregeln beachtet (dazu an anderer Stelle mehr). Der ein oder andere Rikscha- bzw. auch Taxifahrer hat schon mehr von mir bekommen, als Einheimische bezahlt hätten. Die vielen historischen Besichtigungsstätten und damit der „Archeological Survey of India“ sowieso. Hier zahlt man meist zwischen 100-120 Rupien, die Inder selbst nur 5 für den Eintritt. Ein offensichtlicher Unterschied, dennoch zu verschmerzen. Ich gebe es gern. Da können mir noch so viele „Locals“ in Gesprächen wiederholt eröffnen, wie rassistisch Indien doch – unter anderem – deswegen sei. Touristen derart zu behandeln… und dabei könne ich noch froh sein, ein weiße Hautfarbe zu besitzen. So, wie finde ich jetzt wieder den Anschluss zum Flow von Agonda? Verzettelt, könnte man meinen.

Doch es liegt ganz klar auf der Hand. Alles muss raus. Sonderposten ohne Ende, in Form von Geschichten und Anekdoten. So oft wollte ich in den letzten Wochen schreiben, und dennoch wollte es einfach nicht so recht werden. Zu viel los im Kopf und drumherum. So manches musste ich wohl zunächst einmal setzen lassen. Und nun ist er da, der freie Fluss. Schier unbeschreiblich, wie viel sich ereignet hat in der Zwischenzeit. Es wurden Notizen gekritzelt, aufgenommen mit Kamera und Audiorecorder. Es quillt über. So wie das Land vor Eindrücken. Man kann sich einfach nicht retten. Will man auch nicht. Ebenso wenig wie sattsehen. Doch wie nun alles geschickt zusammentragen? Eins wird es wohl nicht immer: chronologisch. Macht die Sache aber hoffentlich spannender, als verwirrender. Ich gebe mein Bestes, versprochen. Also fangen wir nun einfach bei meinen ersten Tagen in Goa an.

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Se Cathedral, Old Goa

 

Nordgoa

Die lange Nachtfahrt mit dem Zug von Pune nach Vasco Da Gama bot wieder Stoff für die ein oder andere Story. Willkommene Ablenkungen, jedoch war vor allem eines wichtig – nämlich möglichst schnell und unkompliziert bei meinem Couchsurfing Host anzukommen. Ali wollte mich aufnehmen, Anfang 30, mit eigenem Juweliergeschäft. Immer schön, einen Anlaufpunkt zu haben. Denn es kam in den ersten Wochen schon vor, dass ich am Tag nicht wusste, wo ich die Nacht verbringen würde. Die einzige Schwierigkeit mit Ali bestand darin, dass er eher unstet und knapp auf meine Nachrichten reagierte. Jedoch fanden sich im Morgengrauen schließlich alle benötigten Infos über Whatsapp zusammen und der Weg vom Bahnhof zur Couch in Calangute war nicht mehr weit. Das Angebot eines Taxis für 1700 Rupien freundlich aber bestimmt ausgeschlagen, schleppte ich mich samt Gepäck zum Local Bus. Wie immer deutlich günstiger (40 Rupien) und allemal interessanter. Da merkt man wenigstens noch jedes Schlagloch!

Ali holte mich wie verabredet beim Pizza Hut ab, fuhr mich mit dem Bike zur Wohnung und brachte mir eine Stunde später die Schlüssel, um dann für längere Zeit zu verschwinden. Ich erkundete die Umgebung und war zugegebenermaßen ein wenig, ja doch, angeekelt. Tourismus pur… nicht nur das Angebot der Läden, Bars und Restaurants am Straßenrand verkündete in deutlicher Sprache, worum es hier ging. Nein, auch die Menschen ringsherum bildeten einen völlig anderen Querschnitt ab, als ich es bislang gewohnt war. Lange vorbei scheinen die Zeiten Calangutes als erste Hippie-Enklave in Goa, jetzt befindet man sich hier in der Touristenhölle! Vornehmlich Russen, aber auch Engländer und Deutsche sind wohl am meisten anzutreffen. Zwar las ich genau das über den Norden Goas, und dennoch war es für mich ein fast größerer Kulturschock als meine erste Taxifahrt in Mumbai. Ich sollte etwas versöhnt werden, denn in einigen Gesprächen hörte ich bereits davon, dass es in Goa niemand interessiert, ob man einen Führerschein in der Tasche hat. Und nun ja, da war jener Mann, welcher mir einen dieser Scooter zur Leihe anbot. Die Sache war eingetütet, denn ich wollte in diesem Tourisumpf nicht unflexibel untergehen. Und natürlich ein wenig Thrill, ganz klar. Hätte man mir das zwei Tage zuvor gesagt, indischer Straßenverkehr und icke… haha!

... my first scooter for rent.

… mein erster Scooter zur Leihe.

 

Die Stimmung hob sich zusehends, und so verbrachte ich diesen und die folgenden zwei Tage damit, durch die nähere Umgebung zu cruisen. Und siehe da, selbstverständlich gab es auch Unmengen schöner Ecken zu bestaunen. Zum Beispiel Old Goa mit seinen vielen religiösen Stätten aus Zeiten der Portugiesen, die quasi den gesamten Umkreis seit Ende des 14. Jahrhunderts mit der christlichen Religion und entsprechender Architektur geprägt haben. Und das stets umrahmt von malerischen Kokospalmen. Außerdem das ein oder andere Fort, diverse Tempel (selbstverständlich) und viele kleinere, wenn auch nicht weniger stark touristisch frequentierte Orte und Strände.

Während dieser Zeit hatte ich außer weiterem kargen Wortwechsel per Messenger nichts mit Ali zu tun. Er war stets mit seinem Business beschäftigt, und ich abends ohnehin zu erschlagen. Am dritten Tag erhielt er schließlich Besuch von mir in seinem Laden und wir konnten ein paar zusammenhängende Sätze wechseln, wenn auch nur kurz. Er hat eine Freundin in Russland und verbringt eine längere Zeit im Jahr da, unterhält außerdem so manche Geschäftskontakte. Nicht nur dort, überall in Europa. So ist es nicht verwunderlich, dass Ali zeitlich recht knapp dran ist.

Witzig eigentlich, dass er mich gerade jeden Tag anruft, seit ich in Agonda bin. Ich hoffe, es ist kein schlechtes Gewissen. Er stellt seine zweite Wohnung kostenlos Fremden wie mir zur Verfügung, also alles gut. Vielleicht wollte er mich auch scheinbar beiläufig wissen lassen, dass er zwei ukrainische Frauen als Couchsurfer haben würde, worauf er sich freue und sich kaum für eine entscheiden könne. Worte, die ich von Hosts nicht nur einmal gehört habe. Klar, nichts gegen schöne Frauen daheim, aber c’mon… dieses Gehabe scheint wohl überall auf der Welt ähnlich zu sein. Auf meiner Zugfahrt nach Süden schrieb er außerdem noch: „Vertraue niemandem, pass auf!“ Worte, die Haken im Kopf schlagen, um dann doch einfach irgendwo im Hintergrund zu verhallen. Denn dafür ist mir hier schon viel zu viel Gutes widerfahren.

... meine wundervolle Herberge - Soenho do Mar, Agonda, South Goa

… meine wundervolle Herberge – Soenho do Mar, Agonda, South Goa

 

Ankommen

Nun sitze ich hier mit Blick auf das Meer, schreibe ein paar Zeilen und genieße es einfach, da zu sein. Eine ziemlich bewegte Zeit liegt hinter mir, im wahrsten Sinne. Im Schnitt alle 2-3 Tage umziehen inklusive neuer Leute, die mich bei sich aufnehmen. Und dabei blieb ich vor allem in Mumbai, zufälligerweise sogar meist im selben Stadtteil namens Chembur. Jedoch hat die Stadt ein so gigantisches Ausmaß, dass es trotzdem aufregend genug bleibt. Selbst innerhalb Chemburs galt es dann aufs Neue, die nächstgelegenen Zugstationen auszumachen, die Strecken zu kalkulieren. Was lohnt sich eher zu Fuß, mit Rikscha, oder Taxi?

Und was glaubt ihr, bin ich bis jetzt hier in Agonda durch die Gegend gefahren? Gar nicht! Einfach nur rumliegen. Mal auf dem Zimmer, dann im Outdoor-Loungebereich direkt am Meer. Zwischendurch nur nicht die nächste Bräunungseinheit am Strand, die erfrischende Dusche oder Mahlzeit vergessen. Und da man doch immer mal was zu tun braucht, ein wenig schreiben, meditieren und Musik vorbereiten.

Genau, einen kleinen Job habe ich auch noch. Zwei DJ-Gigs pro Woche in den beiden Resorts der deutschen Inhaberin Henny. Im Gegenzug darf ich hier äußerst günstig wohnen. Also, warum so schnell weiter ziehen? Außerdem warten mittlerweile noch weitere musikalische Ausflüge, die mich zurück in den Norden Goas führen werden, so daß es definitiv nicht langweilig wird.

Kurzum, ich bin mehr als nur dankbar!

PS: Und sorry Mama, daß du die Sache mit dem Scooter nun auf diesem Weg erfahren hast… aber alles ist gut… wirklich! Ihr wisst ja… 😉

In Kategorie: Allgemein

Über den Autor

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

8 Kommentare

  1. Biene

    Supiiiii,toll was du so erlebst,du traust dir was,und Deine Eindrücke mit uns noch zu teilen,ist der Hammer,Dankeschön dafür,bleib schön gesund,wir drücken Dich,ganz doll

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