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[Bericht] Vom DJ-Leben und Verkehrskontrollen

Gestern war es soweit. Zurück in den Norden Goas – zu den Bars, Diskotheken, Touristen. Alles, was es auch hier in Agonda gibt, nur deutlich mehr davon. Der direkte Vergleich zeigt mir einmal mehr, wie froh ich sein kann, an genau diesem Strand gelandet zu sein. Ruhiger geht es wohl kaum innerhalb des für Urlauber erschlossenen und beliebten Terrains entlang der Küste. Henny, die Besitzerin meines Resorts, erklärte mir einmal den Zusammenhang mit den Schildkröten, die hier ihre Eier ablegen. Daher sei wohl eine touristische Nutzung des Areals nur in einem gewissen Maße erlaubt und eher Hütten und allerlei mobile Bebauung statt Häuser vorzufinden. Dennoch, trotz Übernachtungsangeboten dicht an dicht, man hat den Strand fast für sich und Lautstärke ist so gut wie kein Thema. Genau mein Ding. Es sei denn, ein DJ-Gig steht an.


Eigentlich sogar der dritte in Folge, denn laut meinem Deal mit Henny hatte ich bereits Samstag und am Folgetag in ihren Resorts gespielt. Ganz entspannt, inklusive dezenter Lautstärke und Soundqualität „mit Luft nach oben“. Und es hat Spaß gemacht, kurz vor Sonnenuntergang anzufangen und dann die musikalische Reise bis eine Stunde vor Mitternacht auszubauen. Ohne festes Konzept, die Leute mit einem bestimmten Stil zum Tanzen bringen zu wollen. Einfach gute Musik. Das sollte im Beach-Tanztempel namens Café Lilliput anders werden.
Also ging es los. Scooter gemietet, Technik verstaut. Die passende Musikauswahl wurde natürlich schon innerhalb der letzten Tage grob vorbereitet, 196 Titel sollten reichen. Wer mich kennt, wird es wissen: diese Auswahl brauche ich beim Auflegen, mindestens. Gemütlich zog sich nun die Straße durch die letzten Ausläufer von Agonda, danach schlängelte sie sich durch kleine Hügelketten, die immer wieder den Blick auf das Meer freilegten. Schöner geht’s fast nicht.

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… am Strand von Anjuna im Norden, man ist unter sich. 😉

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… im Kontrast dazu: der etwas langweiligere Strand von Agonda im Süden.

 

Irgendwann war dann auch eine Tankstelle gefunden, und die weiteren zwei Drittel der insgesamt zweieinhalbstündigen Fahrt standen an. Margao trotz städtischen Verkehrs gut überstanden, war ich nun vor der Brücke in Panjim, die quasi den Süden mit dem Norden verbindet. Und wie immer dicker Verkehr, der sich über die enge Festlandsverbindung schiebt. Kurz vor dem Passieren kam, was ich irgendwie schon auf der gesamten Fahrt im Hinterkopf hatte. Man wurde zur Verkehrskontrolle raus gewunken.

„License, please!“ Ok, dachte ich. Wühle zunächst mal ein bisschen herum, und erkläre dem lieben Onkel dann einfach, dass du den Führerschein auf deinem Zimmer vergessen hast. Gesagt, getan. Er bat mich auf die andere Straßenseite, während ich noch die Fahrzeugpapiere unter dem Sattel hervorkramte. Drüben am Wagen anstellen, hieß es. Vor mir befand sich bereits eine Gruppe russischer Touristen. Leise fragte ich, was denn bei ihnen das Problem sei. Sofort gaben sie mir dezent-hektisch zu verstehen, bloß die Schlüssel gut zu verstecken und nicht wegzugeben. Irgendwann durfte ich dann ein paar Schritte vortreten und nochmals die Geschichte der fehlenden Papiere anstimmen. Der Abfertigende zeigte mir auf seinem Vordruck samt Durchschlag, dass er die Führerscheinnummer zum Ausfüllen bräuchte, und so müssten sie mein Gefährt konfiszieren. Man könne es sich am Folgetag bei jener Adresse abholen, gab er mir per Fingerzeig auf seinen Wisch zu verstehen.
Unter Protest erwiderte ich, dass dies so nicht funktioniere, schon allein wegen der langen Wegstrecke und weil es nicht mein Scooter sei. „Wir müssen eine andere Lösung finden!“, entfuhr es mir, wohlwissend, dass ein paar Scheine das Problem lösen sollten. Jedoch hatten mir die Russen bereits ganz schön Angst gemacht. Wie ernst meinen die das hier? Soll etwa ein Exempel statuiert werden? Selbst Inder, wahrscheinlich aber auch Urlauber, befanden sich um mich herum mehr oder weniger in Erklärungsnot. Auch diejenigen, die ihren Führerschein dabei hatten. Die Jungs hier wollten es definitiv wissen, und würden bei Allen etwas aus dem Hut zaubern, was ihnen nicht passt.
Der Kollege holte mich wieder zu sich. Normalerweise würde ich 5000 Rupien Strafe zahlen müssen, doch wenn ich ihm jetzt sofort 6000 gäbe, könne er mich fahren lassen. Da ich, so der „Zufall“ will, gerade vor Antritt der Fahrt genau diesen Betrag vom Geldautomaten ausspucken ließ, überlegte ich nicht lange. Mit großer Sorge um Unauffälligkeit nahm er es flott an sich. Auf dem Rest der Wegstrecke überlegte ich, ob ich nicht hätte verhandeln können. Oder einfach wieder die Straßenseite wechseln und losfahren. Hätte vielleicht wirklich niemand bemerkt, allerdings gab ich denen zuvor schon die Papiere für den Scooter. Wie auch immer, ich war verärgert. Und ja, es ist nur Geld, wenn auch fast für eine ganze Woche. Ebenso eine Lektion in manchen Dingen… dafür macht man doch eine solche Reise. Schließlich kam noch der Gedanke hoch, ob mir meine Mutter nicht etwas anderes für den Tag hätte wünschen sollen, als „interessante Begegnungen“. Man weiß ja, das Universum hört alles.

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… endlich angekommen in Anjuna!

 

Doch dieser Tag ist noch nicht zu Ende und ich noch nicht mal am Strand angekommen, als doch tatsächlich ein zweites Mal die Hand eines indischen Verkehrskontrolleurs zum rechts heranfahren mahnt. Es kann einfach nicht sein – vier Tage lang in dieser Gegend umherfahren und es passiert nichts, und nun gleich zwei Mal hintereinander. Und dabei wäre ich in fünf Minuten da! Auf die übliche erste Frage erkläre ich ihm meine ebenso übliche faule Ausrede. Und dass ich bei seinen Kollegen bereits unglaubliche 6000 Bucks abgedrückt und nun keine Kohle mehr hätte. „Oh, das ist ja viel zu viel“, meinte er darauf nur. „Normalerweise nur 1000.“ Ganz dünnes Eis, mein Lieber… aber ich beherrschte mich. „Gib mir 1000, und du kannst fahren!“ Ich tat geschäftig, wühlte in meiner Hosentasche herum. Nur um zu zeigen, dass er nicht mal ein Zehntel dessen von mir kriegen würde. Hektisch kam nun der zweite Typ des Gaunerduos angelaufen und meinte, ich solle die Scheine wegstecken und fahren. Das ließ ich mir nicht zwei Mal sagen. Ein paar Ecken weiter lüftete sich das Geheimnis. Nicht etwa die reine Gutmütigkeit, sondern die Angst hatte hier die Finger im Spiel. Denn der Herr auf dem Bike neben mir gibt sich als Reporter zu erkennen und fragt, ob die Polizisten Geld von mir haben wollten. Verrückt!
Endlich angekommen, brauchte ich erstmal den Blick aufs Meer und ein kaltes alkoholisches Getränk, um dann direkt mit Raj zu plauschen. Seiner Familie gehört das Café Lilliput schon seit 30 Jahren. Er ist für das Programm zuständig. Ich schweife ab und denke über einen etwaigen Zusammenhang zwischen der Größe des zierlichen Inders und dem Namen der Location nach. Kurz darauf bekomme ich mein Zimmer und muss dringend ausruhen. Mit dem Essen im Magen ist nicht an Schlaf zu denken, aber Ruhen ist genau das Richtige. Witzig, so ein DJ-Dasein. Vor den Gigs ist man häufig richtig fertig, und hat so gar keine Lust. Das kenne ich auch von so einigen Kollegen aus zahlreichen Jahren als Partypromoter. Vollkommen verständlich… lange Anreisen, wenig Schlaf etc. Dennoch, es würde einem normalen Tanzwütigen wohl kaum auffallen. Soll es ja auch nicht, denn ein waschechter DJ ist wieder fit und voll da, sobald er hinter das Pult tritt. Ging mir selbst mit schlimmster Niedergeschlagenheit so, ehrlich!

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… Flaute trotz Großformat.

 

Allerdings war auch kaum jemand da, dem eine gewisse Müdigkeit und mangelnde Konzentration hätten auffallen können. Irgendwie hatte ich mir das anders vorgestellt. Nicht, dass ich automatisch denke, die Leute rennen wegen mir die Bude ein. Aber ich sah mich auf Plakaten an Straßenecken als Headliner für diesen Abend stehen, es wurde richtig Werbung gemacht. Stattdessen fühlte es sich wie einer dieser mittlerweile schon viel zu oft erlebten, überflüssigen Bar-Gigs an. Nur, dass am Strand von Anjuna aus allen Rohren gefeuert wird, was den Sound angeht. Also war es sogar noch schlimmer… quasi eine leere Disco, lediglich mit einer handvoll Indern und Russen, die mittelprächtig Spaß zu haben schienen. Ich machte wie immer das Beste daraus, eben ein wenig abwechslungsreich-pumpende Musik mit gewissem Anspruch durch die Boxen lassen, nicht mehr und nicht weniger. Die Worte meines englischen Resort-Nachbarn, ebenfalls DJ, halfen in diesem Fall auch nicht wirklich weiter. Vor der Abreise meinte er noch: „Wenn es dort nicht funktioniert, spiel einfach etwas schneller!“ Nein, am heutigen Abend war hier nichts mehr zu holen. Mit etwas Erfahrung weiß man das bereits zeitig und liegt selten daneben. Das glamouröse DJ-Leben, so oft ist es bereits an mir vorbei gegangen. Und wer weiß, es ist bestimmt auch gut so. Dafür ist es einfach schön genug, sich mit einer Menge guter Musik beschäftigen zu können. Und wenn es richtig dicke kommt, dann hast du Leute vor dir tanzend, die das zu schätzen wissen. That’s it.
Während ich noch einen Absacker nahm und auf das dunkle Meer hinaus blickte, musste ich über das Ensemble vor mir schmunzeln. Zwei russische Pärchen, wobei die Jungs zu den simpel strukturierten Beats des letzten DJ’s noch mal richtig die Fäuste vor sich her trieben, während die Mädchen ganz kühl ihr gutes Aussehen präsentierten. Hauptsache, eine gute Zeit. Oder?
Und ich denke soeben an den Fahrtwind, der mich auf dem Heimweg umspülte… mal warm, mal kalt. Außerdem an die wunderschöne Landschaft. Zwar weniger Geld in der Tasche, kein allzu gelungener Auftritt, die wenigen hübschen Frauen interessierten sich anscheinend auch nicht sonderlich für mich… dennoch hat man das Gefühl, von allem umgeben zu sein, was gerade wirklich gebraucht wird. Ich wünschte, das würden alle von sich behaupten können.

In Kategorie: Allgemein

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Ich bin Reisender, Musikliebhaber und DJ, fotografiebegeistert, mag das Lesen und das Schreiben. Gebürtig aus Leipzig und daheim in der Welt.

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